PUBLIKATIONEN III

 

Essay 06.11.2011  

 

Bilder, Brot und Spiele: Ein Foto kommt selten allein  
 „Ein Ereignis ohne Bilder ist so, als hätte es nicht stattgefunden“. (1) 

Gibt es eine neue Macht der Bilder in Gestalt der Stockfotos oder begründet die digitale Bilderflut im Internet eine ganz neue Ohnmacht?

Immer neue Anbieter, Plattformen, Vertriebswege, Bezahlmodelle, Flatrates, mobile Endgeräte, veränderte Sehgewohnheiten, rasant wachsende Bildermengen, sich diversifizierende Märkte, und fast täglich neue Apps und Gadgets. Immer mehr, immer kleiner, immer schneller, immer mobiler, immer variabler. Die Globalisierung schreitet voran. Die Unübersichtlichkeit auch.

Noch wird der Stockfotomarkt zu knapp 80 % von Agenturen aus England, USA, Deutschland, Schweiz, Frankreich gespeist, doch in vielen Schwellenländern entwickelt sich, mindestens partiell, neuer Wohlstand, entstehen neue Mittelschichten und neue Bildermärkte - all das zu den Bedingungen des Internet. Wir dürfen uns daher auf neue multifunktionale Fotoware, Micro- wie Macrostock, aus Osteuropa, China, Indien, Südamerika und anderen Regionen freuen. Aber freuen wir uns wirklich? (2)
         
Drei Schlagworte sollen helfen, das Szenario der Bilderfluten, Bildermärkte und Bilderwelten aus ganz verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. (3)

Das Schlagwort "Selfie" wurde vom Oxford English Dictionary zum Wort des Jahres 2013 gekürt und sagt etwas über die Bilderwelt in den Social Media, das Schlagwort „Metadaten“ dient uns als zentraler Indikator für den problematischen Status von Fotoware in der digitalen Welt, und das Schlagwort „Streaming“ beschreibt den revolutionären Strukturwandel der Öffentlichkeit im Medium Internet - dem neuen Lebensraum der Bilder.

 
1. Ich bin im Bild, ich kann nicht anders: Selfie to Go
"Die Absicht des Fotografen ist, andere zu informieren und durch seine Fotos im Gedächtnis der anderen sich unsterblich zu machen"  (4)

Im Jahr 1826 machte Joseph N. Niepce das vermutlich erste Foto der Welt mit einer Belichtungszeit von über 8 Stunden. Am 13. August 1839 lässt Louis Daguerre die Erfindung der Fotokamera auf seinen Namen patentieren. Schon 1840 senkt Henry Fox Talbot die Belichtungszeit auf wenige Sekunden.

150 Jahre später, im Jahr 1991, stellt Kodak eine erste Digitalkamera vor. Seither, also in weniger als 25 Jahren, wurden bereits mehr digitale Selfies produziert als in der gesamten Geschichte der analogen Fotografie vorher an Fotos jemals belichtet. 

Der Hype um die Selfies, die fotografischen Selbstporträts mit dem Smartphone, markiert den vorläufigen Höhepunkt einer neuen Macht der Bilder, einer Sehnsucht, vielleicht einer Sucht, das Leben in Bildern festzuhalten.

Aktuell präsentiert allein die Foto- und Video-Sharing Plattform Instagram mehr als 200 Millionen primäre Selfies, die vor allem im Zusammenspiel mit Facebook, als größtem sozialen Netzwerk mit mehr als 1 Milliarde Mitgliedern die Online-Community prägen. Mehr als 100 Millionen registrierte Nutzer bei Instagram stellen diese primären Selfies ins Netz, Fotos die mehrheitlich Gesichter in Nahaufnahme zeigen. 

Vordergründig ist das die konsequente und massenhafte Umsetzung der Idee eines Gesichtsbuches, einer Kontakt- und Partnerbörse, im zweiten Zugriff faktisch die Institutionalisierung einer grandiosen Adressdatenbank für beliebige kommerzielle Zwecke. 

Wir befinden uns in der Bilderwelt der Social Media parallel zum klassischen Bilderbusiness. Primäre Selfies sind wenig bis überhaupt nicht warentauglich. Sie sind zu konkret, zu detailliert, zu individuell, ihnen fehlt quasi der Faktor Copy Space und damit das multifunktionelle Potential. 

Daher finden wir für Selfies auch nur kleine Treffermengen Getty Images bietet im November 2013 beim Schlagwort Selfie ca. 2300 Treffer, Corbis Images ca. 3400 Treffer, Fotolia hat 144 und istock 190 Treffer. Gezeigt werden Menschen, während sie sich selbst mit dem Smartphone aufnehmen: das Fotografieren selbst ist das Motiv. Wir nennen diese als Ware gehandelten Bilder sekundäre Selfies und unterscheiden sie provisorisch von den primären Selfies. 
  
Primäre Selfies sind narzisstisch, Stockfotos nie. Der Urheber eines Selfie feiert die Posen seiner Selbstinszenierung, die Souveränität des spontanen Selbstausdrucks als den ultimativen Fun der Online-Präsenz. Nicht das Foto ist hier die Ware, nein, es sind die Menschen selbst.  

Es braucht keine besondere Hellsichtigkeit, für diese besondere Bilderwelt eine Flut exhibitionistischer Klischees zu prognostizieren. Eine erste kreative Welle bestaunen wir auf Facebook und Twitter als sogenannte „Selfie Olympics" oder „Selfiegames“ in den ersten Tagen des Januar 2014, eine Art Wettbewerb der absurdesten Posen (5). 

Nicht der vereinzelte Spaß, sondern das Massenphänomen verdient unser Interesse. Offenbar ist die Sehnsucht nach Sichtbarkeit, Anerkennung, Aufmerksamkeit in der Konsum- und Massengesellschaft noch viel größer als vermutet und findet im World Wide Web ein grandioses Medium. 

Fotografische Bilder spielen in der Online Kommunikation eine immer größere Rolle: sie sind schneller gemacht als ein Satz gedacht und geschrieben, das Posten dauert Millisekunden, es erreicht ein sehr großes Publikum, die emotionale, expressive Kraft eines Fotos ist einem Satz fast immer überlegen und spontane Reaktionen der "Friends" und "Follower" sind beinahe garantiert. Selbst wenn nur ein Daumen winkt oder ein Tweet blinkt.    
  
Die Dinglichkeit des Fotos, etwa als Papierbild, hat für die Online-Rezeption der Selfies offenbar keine Bedeutung. Die haptische Inbesitznahme, das Anfassen, Berühren, Erfühlen, Halten, Übergeben und Annehmen von Fotos wird überflüssig. Niemand scheint den Verlust dieser taktilen Dimension zu bedauern, die Faszination der virtuellen Evidenz überstrahlt alles. Immerhin tröstet der Touchscreen über diesen Verlust etwas hinweg.

Der Selfi-Ismus zeigt uns auch eine Facette der Identitätskrise des sogenannten Masseneremiten, den der Philosoph Günter Anders in den 50-er Jahren des letzten Jahrhunderts skizziert hat und dem wir im digitalen Universum des Surfing, Sharing, Streaming verstärkt begegnen. (6)   

Am Beispiel der Selfies zeigt sich eine erste Dialektik der virtuellen, visuellen Kommunikation: der einmalige Augenblick, in der fotografischen Aufnahme idealiter dem Zeitstrom entrissen, für das Gedächtnis aufbewahrt und gerettet, wird durch mühelose, massenhafte, unaufhörliche Produktion im elektronischen Datenstrom verschluckt, verbraucht und dann wohl auch überflüssig. Selfies als Wegwerfbilder.   

Gilt diese Beobachtung auch für andere, gar für alle fotografischen Bilder im Medium Internet? Auf welche Weise verändert das digitale Universum die Fotos, ihr Wesen, ihre Verwendung, Wahrnehmung und Wirkung?

So geht Foto, sagte das Foto. Laufen lernen, sagte das Internet

 
2. Vom Verschwinden der Metadaten: Wir sind dann mal weg   
"Fotografen sind nichts mehr wert". (7)

Und die Fotos? Während das Netzwerk fotoarchive e.V. in Deutschland gegenwärtig die analogen Bildbestände in privaten Sammlungen und öffentlichen Archiven zu sichten versucht, um bewahrungswürdige Bildschätze zu erschließen und vor dem Verlust zu retten, steht die digitale Bilderwelt vor dem dem konträren Problem: sie ertrinkt im digitalen Pixelmüll und beschließt ihn loszuwerden. (8)

Unsere Prognose ist, das auf die Flut der digitalen Massenproduktion jetzt die erste große Welle der massenhaften Bilderlöschung folgt. Das Bildersterben beginnt.   

Die diversen Teilmärkte werden dabei unterschiedliche Tempi entfalten. Das Löschen alter Bilddateien wird im Segment Microstock beginnen. Vermutlich werden in einer ersten Welle Stockfotos mit einem Alter von mehr als 2-3 Jahren gelöscht, eine zweite Löschungswelle wird folgen. Womöglich reduziert sich die durchschnittliche Speicherdauer von Microstock-Motiven dann schon auf deutlich unter 2 Jahre. (9) 

Ein Indikator für den fragilen Status der Stockfotos war schon lange der leichtfertige, zum Teil aber wohl durchdachte, respektlose Umgang mit bildspezifischen Metadaten, die nonchalante Gleichgültigkeit gegenüber den IPTC-Regularien. (10)  

So weist Lee Torrens 2011 auf die Praxis des „Metadata Stripping“ hin und hält fest, dass alle großen Microstock-Agenturen gezielt Metadaten löschen, um Präsentation und Verkauf der Fotos schneller, flexibler, effizienter zu gestalten. (11)

Fotografen, Bildagenturen, Verkaufsplattformen, Kunden sind für diese Ignoranz gleichermaßen verantwortlich. Immer weniger im Stockfotomarkt haben ein echtes Interesse an der seriösen Pflege von Metadaten. Immer mehr Bildanbieter interessieren sich eher für verkaufs-funktionale Parameter von Datenbank und Website wie z.B. Präsentation, Navigation, Schnelligkeit, Aktualität, Nutzerfreundlichkeit. 

Journalistischer Background, redaktioneller Kontext, nützen beim Verkauf von Stockfotos wenig bis nichts. Und so beobachten wir am IPTC-Feld Caption ein quasi astrophysikalisches Phänomen: wie ein schwarzes Loch verschluckt es Wörter.   

Und für Bildkäufer hat das ebenfalls eine Logik: sie kaufen Bilder, keine Worte.  

Auch bei Fotografen beschränkt sich das Interesse an Metadaten zumeist auf die Frage der illegalen Nutzung, den Bilderklau, die Verletzung ihres Urheberrechts. Schlagworte als die Schlüsselinstrumente für Bildrecherche und Bildverkauf werden nicht selten nur als notwendiges Übel hingenommen.

Andreas Trampe, Chef der stern-Bildredaktion hat das Dilemma so formuliert: „Mit Verschlagwortung ist es wie mit Versicherungen: niemand mag sie, jeder braucht sie.“   (12) 

Etwaige Versuche, dieser Metadaten-Ignoranz entgegenzuwirken, wie etwa im Metadatenmanifest des BVPA, sind vor dem Hintergrund des beschriebenen Szenarios in der Stockfotografie ebenso lobenswert wie aussichtslos. (13)   

Wenn der Marktwert eines multifunktionalen Fotos mit jedem Tag immer schneller abnimmt, dann macht echtes Metadatenmanagement, die Investition in nachhaltige Erschließung & Archivierung, kaum noch einen ökonomischen Sinn. 

Erwähnt sei hier ein neues Vertriebs- bzw. Bezahlmodell, das sogenannte Image Streaming von Medieninhalten. Dieses Content-Management erlaubt es dem Kunden, einzelne Bilder auf seiner Website über einen speziellen Code virtuell zu positionieren. Die Bilder werden immer neu von externen Servern geladen und der Bildpreis ergibt sich am Ende aus der Zahl der Seitenaufrufe.  

Auch dieses Modell degradiert Fotos einmal mehr zu bloßen Anhängseln der Texte und Kontexte, in die sie – mehr oder weniger zufällig – gestellt werden. Die Definition der Stockfotos als bloßer „Leerstellen der Kommunikation“ bestätigt sich vollauf, die Rezeption ihrer fotografischen Aussage, Qualität, Selbständigkeit tritt ganz in den Hintergrund. (14)  

Fazit: In multifunktionalen Fotos sind Metadaten unverdaulicher Ballast. Ihre diskrete Löschungspraxis hat im Grunde die anstehenden dramatischen Löschungslawinen der Fotos selbst nur konsequent vorbereitet. 

Der professionelle Stockfotograf hat sich von der Erinnerungs-Funktion des Fotos, seinem Nachrichten- und Beweiswert, längst verabschiedet. Er kalkuliert die begrenzte Verwendbarkeit seiner multifunktionalen Fotoware nüchtern ein. (15)
 
Dieser Pragmatismus in der Vorratsfotografie ist für die klassische Auftragsfotografie und den Pressebild-Journalismus zumeist, noch, irritierend bis skandalös. Aber im digitalen Zeitalter ist das Löschen fotografischer Bilder, zumindest in kommerziell wichtigen Teilmärkten, nicht nur kein Sakrileg mehr, sondern Programm.     

Ich teile die Meinung des Online-Journalisten Dirk von Gehlen, der für die digitale Kultur einen „Prozess der Verflüssigung“ diagnostiziert. Sie ergänzt die Thesen über die Spezies der Stockfotos als „Bilder zum Vergessen“ und bestätigt unsere bisherigen Überlegungen auch hinsichtlich der Bilderlöschung. (16)

Wir sind dann mal weg, sagten die Fotos. Tempo, Tempo, sagte das Internet.


3. Das Bildersterben: Vom Keep Smiling zum Keep Streaming 
"Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen". (17)

Ja, die Macht der Bilder wächst durch die Allgegenwart des Mediums Internet dramatisch. Die Spezies multifunktionaler Bilder dominiert als Billigware klar den Online-Markt und breitet sich wie eine Pandemie auch Offline, also in Anzeigen, Broschüren, Tageszeitungen, Journalen, Büchern immer mehr aus.

Wird im digitalen Universum via Internet ein Imperium der Stockfotografie begründet oder entwickeln die Bilderwelten überraschend andere Optionen? 

Wir haben den Begriff "Streaming" bisher sehr allgemein verwendet. Die strenge Definition versteht darunter einen Datentransfer zwischen Sender und Empfänger als einer Punkt-zu-Punktverbindung, in der keine Daten gespeichert, sondern nur vom Nutzer direkt konsumiert werden: in der sogenannten Echtzeit.

Uns interessiert ganz besonders der Charakter dieses direkten Konsums. 

Streng genommen sind alle textlichen und visuellen Inhalte im Internet Uploads, Kopien, Updates und unterscheiden sich qua Datentransfer glasklar vom Streaming. Filme können gestreamt werden, Fotos nicht. Vom Streaming sind sie also gar nicht bedroht und unsere Bedenken wären substanzlos. Einerseits.

Unsere These stützt sich auf das Andererseits: denn Wahrnehmung ist relativ und jeder Film besteht aus Sequenzen einzelner Fotos. 

Das menschliche Gehirn nimmt erst ab etwa 14 bis 16 Bildern pro Sekunde Einzelbilder als Bewegung wahr. Die Magie des "Schreibens mit Licht" war bei den ersten fotografischen Aufnahmen vor 200 Jahren gerade im Phänomen der langsamen Belichtungszeit wunderbar nachvollziehbar. Nur ein unbewegtes Motiv wurde ins Negativ gebrannt. Wer sich schnell bewegte, blieb unsichtbar oder wurde zum Geist. 

Was ist schnell, was ist langsam? Betrachten wir die Bilder im Internet als einzelne Dateien. Wenn wir ein Foto Online wahrnehmen, hat es unmittelbare, statische Präsenz, Totalität und Evidenz. Es verändert sich nicht, hält still, sozusagen. Allerdings findet zugleich, in Permanenz und unbemerkt, ein globales Transfergewitter von Uploads und Updates statt. In unserem Rücken. An der Peripherie.

Wenn wir eine Website verlassen, können wir nie sicher sein, das wir nur 2 oder 3 Minuten später das angeschaute Foto noch immer vorfinden. Es könnte jederzeit ersetzt, aktualisiert, gar gelöscht werden. Könnte? 

Jetzt, während Sie diesen Text lesen, Offline oder Online, werden zigtausende Fotos auf unbestimmten Websites und Internet-Positionen verschoben, aktualisiert, ausgetauscht, gelöscht. De facto.

Das Internet kennt keinen Redaktionsschluss. Es ändert sich im globalen Zeitraffer. Deshalb haben wir vom Streaming-Effekt gesprochen. Ein einzelnes Foto wird zwar durch Streaming nicht direkt zerstört, aber die permanenten Uploads, Updates und neuen Versionen verwandeln das Internet als Totalität in einen alles verschluckenden Strom. 

Für unsere Augen bleibt dieser Permastream unsichtbar, wir sind quasi viel zu nah dran, fokussiert auf einzelne visuelle Partikel. 

Niemand kann das Internet als Ganzes, als "ein" Objekt, betrachten wie etwa ein Foto. Wenn wir aber einen Schritt zurücktreten und mit dem peripheren Sehen wahrnehmen, dann erfassen wir den ungeheuren Fluss der Updates und die Dimension der "Virtualität" und der "Verflüssigung" wird evident. 

Ich bin allhier, sagte das Foto. Das ist mein Text, sagte das Internet.


4. Bilder, Brot und Spiele: zwischen Hochzeit und Schwanengesang  
Eine differenzierte Analyse und Kritik des Internet-Komplexes ist unverzichtbar, wenngleich von herkulischer Dimension. The Medium is the Message? Zweifellos erleben wir einen grandiosen Paradigmenwechsel in der menschlichen Kommunikation, mindestens so folgenreich wie die Erfindung des Buchdrucks und mindestens so unübersichtlich. (18)

Und die Bilder? Ohne Fotos ist ein Text, eine Seite im Internet kaum noch vorstellbar. Fotos füttern den Gesichtssinn, unser emotional strukturiertes Gedächtnis. Sie reduzieren blitzschnell Komplexität, machen die Welt verdaulich, einfach, klar, sicher, beherrschbar. Bezahlt wird dieser Gewinn mit einer mindestens kurzfristigen Lähmung der Urteilskraft, einem Verlust an Nachdenklichkeit und begrifflichem Denken. 

Vor der elektronischen Revolution, in der sogenannten Gutenberg-Galaxie, gab es über 150 Jahre lang eine beinahe behagliche Allianz der Bilder mit dem Medium Print. Die Reproduzierbarkeit von Kunstwerken, die Walter Benjamin vor 80 Jahren analysierte, war für die Fotografie ein vergleichsweise kleines Problem, wenn man das neue Streaming-Szenario dagegen hält oder die strukturelle Copyright-Kontroverse. 

So beklagt etwa Prof. Bauernschmitt anlässlich der Vergabe eines Reportagepreises bitter die gewachsene Respektlosigkeit gegenüber Fotos in Print- und Online-Redaktionen. Er spricht von bis zur Unkenntlichkeit beschnittenen „Bildfragmenten in Bleiwüsten“ und kritisiert scharf das Layout als „Beleidigung der Fotografinnen und Fotografen“. (19)

Seine Kritik bestätigt die Thesen zur Metadaten-Ignoranz und den Streaming-Effekt. Die multifunktionale Fotoware erobert sich immer neue Ziel- und Nutzergruppen. Online und Offline. Das Stockfoto ist im Journalismus angekommen, die besten Microstockmotive konkurrieren ernsthaft mit der Fotografie der alten Schule. 

Und die neuen Nutzer? Sie gehen, konsequent, brutal pragmatisch mit der Fotoware um. Was nicht passt, wird passend gemacht. Und die multifunktionalen Bilder machen mit, lächelnd, auf der Suche nach Text wie nach einer Heimat, denn Allkompatibilität ist ihre Natur. Sie verkaufen das Blaue vom Himmel, machen ihren Job. Ob als Söldner oder als Joker. Keep smiling.

Hätten die Bilder ein Bewusstsein: sie wären sich ihrer Entbehrlichkeit nur zu bewusst. Ihren Schöpfern, den 

Stockfotografen, der Microstock-Elite zuallererst, dämmert allmählich ihr Dilemma: auch sie selbst sind nichts mehr wert. 

Vor geraumer Zeit haben wir die Stockfotoware mit Brötchen verglichen, die sich selbst fressen: Jetzt fressen sie ihre Väter. Bilder, Brot und Spiele.

Wir sind Zeugen einer dramatischen Zäsur in der Geschichte der Fotografie: die „photographische Idee“ steht auf dem Prüfstand. Unser Essay skizziert ein Szenario, in dem die multifunktionalen Fotos ebenso machtvoll herrschen wie ohnmächtig verschwinden, verurteilt zum Löschen und zum Vergessen. Eine Spezies überflüssiger Bilder? Als Spiegelbild der Überflussgesellschaft? 
  
Zum wirklichen Verständnis dieser Dialektik aus Bildermacht und Bildersterben sind empirische Studien nötig, differenzierte Analyse und, vor allem, ganz neue Fragen.

Fürs Erste könnte uns Hollywood trösten, mit einem Film. Er zeigt uns einen Foto-Archivar des Printmagazins „Life“ auf der phantastischen Suche nach einem einzigartigen, unersetzlichen Negativ, einer analogen Ikone. Zuviel Nostalgie?

Ein Foto kommt selten allein, sagte das Foto. Das ist ein Wort, sagte das Internet.

           
                                                                                                                                                     
© BW, Dokfünf Keywording

Quellen:

(1) Dirk von Gehlen, Eine neue Version ist verfügbar, Metrolit Verlag, 2013.
(2) Wir verwenden den Begriff multifunktionale Fotos synonym für Fotos mit idealem Warencharakter und unterscheiden ihn von der Warentauglichkeit anderer Fotos. Stockfotos gibt es schon sehr lange, entstanden in der Konsumgesellschaft als Nebenprodukt der Auftragsfotografie. Multifunktionale Fotos verdanken sich vor allem dem Massenmedium Internet und den Billigpreisen, Vgl. Bernd Wohlert, Das Foto als Ware, S.22 ff. in: Photo Presse 08/2012;  vgl. Wolfgang Ullrich, Bilder zum Vergessen, Köln 2008; vgl. J. Glückler, R. Panitz, Survey of the Global Stock Image Market, Universität Heidelberg, 2012.
(3) Lars Bauernschmitt, Einen Bildermarkt gibt es nicht, in: BVPA Handbuch, 2009.  
(4) vilem flusser, für eine philosophie der fotografie, S.42ff, Berlin, 2006.
(5) Henriette Kuhrt, Selbstporträts im Social Web, 15.06.2013, www.spiegel.de 
(6) Günter Anders, die Antiquiertheit des Menschen, München 1956.
(7) Robert Kneschke, Der Fluch des Sean, Blog, 5.3.2013, www.alltageinesfotoproduzenten.de   
(8) www.netzwerk-fotoarchive.de
(9) Klaus Plaumann, Micostock-Expo 2013, in : photopresse 24/2013. Vgl. H.J. Zwez, Chef von mauritius images, der schon 2006 die Haltbarkeit analoger Stockfotos auf rund fünf Jahre schätzt, in: Das Verfallsdatum der Fotos ist kürzer geworden, Freelens Magazin 23, 2006.
(10) seit 1990 gilt der IPTC-NAA-Standard für Bilddateiformate, www.iptc.org
(11) Lee Torrens, Microstock Diaries, Blog, 16.11.2011.
(12) B. Wohlert, Hintergrundgespräch zum Interview, in: Photo Presse, 09/2011. 
(13) Metadatenmanifest, Initiativen, www.bvpa.org
(14) R. Kneschke, Blog, 9.12.2013, Erhalten Metadaten selbst Warenstatus, ist die Löschung obsolet, vgl. der Deal zwischen Getty Images und Pinterest, vgl. R. Kneschke, Blog, Stockfotografie News, 27.12.2013.    
(15) zur Kritik der Pressebilder als Instrumente der visuellen Desinformation, vgl. Gerhard Paul, Die Macht und Ohnmacht der Bilder im asymmetrischen Krieg, in: Der Bilderkrieg, Göttingen 2005. Die Schlagworte Fälschung, Manipulation, CGI benennen die separate Thematik des Fotos als Experiment, Konstrukt, Fiktion. 
(16) Dirk von Gehlen, in: Spiegel-Online, 29.12.2013, Vgl. Wolfang Ullrich, a.a.O., Bilder zum Vergessen; vgl. B. Wohlert. a.a.O, Das Foto als Ware.
(17) Heraklit, Fragment 91, in: Diels, Kranz, Die Fragmente der Vorsokratiker, Hildesheim 1903.         
(18) Marshal McLuhan, Understanding Media, New York, 1964. In der politischen Sphäre ändern sich dramatisch die Parameter. Stichwort: direkte Demokratie; vgl. Herrschaft der Algorithmen, in: Herrschaft im Netz, cicero online, 14.01.2012. 
(19) Lars Bauernschmitt, Laudatio, 15.06.2012, www.larsbauernschmitt.de  
(20) Wer die Recherche im Medium Internet beherrscht, wie die Suchmaschine Google als Marktführer, könnte mit großem Wettbewerbsvorteil  im Bildermarkt als Anbieter selbst mitmischen. Mit seiner neuen, erweiterten Bildsuche bastelt Google, gerade für multifunktionale Amateurbilder, eine grandiose Vertriebsplattform.